Plötzlich wurden mir die Knie weich
Installation zur Ausstellung im Städtischen Museum Zirndorf 2009
Leben ist immer Veränderung. Bei einer Flucht ist die Veränderung jedoch radikal. Seit die Menschheit existiert gibt es Menschen, die vor Krieg, Hunger oder Verfolgung usw. fliehen. Der Schritt in die ungewisse Zukunft ist geprägt von großer Hoffnung, aber auch von vielen Ängsten.
In einem Boot, welches in einem Drahtgewirr feststeckt, liegen Papiere mit dramatischen Geschichten von Menschen, die auf unterschiedlichste Weise geflohen sind. Boote waren in vielen Kulturen Sinnbild eines gefährlichen Übergangs und stehen auch heute für den risikoreichen Aufbruch, um ein neues Leben an einem anderen Ort zu beginnen.
Jeder kann vor der Entscheidung stehen: fahren oder bleiben, das Boot besteigen oder am Ufer verharren. Das Leben ist voller Unsicherheiten. Der Widerspruch zwischen der Lebenssituation der Flüchtlinge und der geordneten bürgerlichen Lebenswelt des Betrachters ist nur scheinbar, denn jeder kann schnell auf die andere Seite geraten. R.G.
Ludmilla
Wir waren Gutsbesitzer. Bis zuletzt konnten wir nicht glauben,
dass wir unser Land verlassen müssten. Deshalb
warteten wir so damit, eine Entscheidung zu treffen. Wir
wollten die Realität nicht sehen und - meine Kleine war
erst sechs Wochen alt.
Wir mussten nicht zu Fuß fliehen, wir nahmen das Auto.
Natürlich war das gefährlich; ein Auto war eine Zielscheibe,
aber was war ungefährlich in dieser Zeit. Wir hatten
noch gehortetes Benzin; wir fuhren nachts und ohne Licht.
Wir waren schon ein paar Nächte unterwegs. Ich musste
dringend, bat unseren alten polnischen Knecht, der fuhr,
anzuhalten. Hinten lag neben mir meine Kleine und schlief.
Das Auto bremste; alle, auch ich sprangen heraus und meine
Kleine schrie sofort ganz fürchterlich. “Lass die Kleine
da,” schrie meine Mutter, “mach schnell.” Ich packte mein
Kind aber und lief nur ein paar Meter vom Auto weg. Ich
musste so dringend. Das Donnern des Tieffliegers war ohrenbetäubend.
Ich hörte die Gewehrsalve, ein Schreien;
kurz war unser Auto von einem Lichtkegel erfasst. Dann
war alles still. Irgendwann hörte ich meinen Namen, ich
spürte jetzt auch die Kälte und ich tastete mich zur Straße.
Tomaz sagte: “Einsteigen!” Tomaz ließ den Motor an und
fuhr gleich weiter. Komischerweise funktionierte das Auto
noch. Die Fenster waren kaputt. Ich saß jetzt vorne. Ich
hörte nichts außer dem Motorgeräusch des Autos. Ich
drückte mein Kind an mich.
Erst am Morgen sah ich, dass hinten alle tot waren.
Hinten war das Auto durchlöchert, die Rücksitzbank war
zerfetzt. Meine Mutter, meine Schwestern hatten nur
schnell, zu schnell gepinkelt, saßen schon im Auto, als der
Flieger kam. Sie wollten nicht warten mit dem Einsteigen
und setzten sich nach hinten, zum ersten Mal saß auch
meine Mutter im Fond, sonst war immer ich mit der Kleinen
dort.
Tomaz, ja der musste auch scheißen.
Mahito
Die Wüste hatten wir hinter uns. Das waren anstrengende, fürchterliche Tage. Jetzt waren wir an der Küste und warteten
auf das Kommando zur Überfahrt mit einem Boot.
Wir sollten uns verstecken, unauffällig sein, damit niemand
Verdacht schöpft.
Nachts kam dann ein Laster, wir mussten ganz schnell einsteigen
und kurze Zeit später waren wir in der Nähe des
Strand. Dort lag ein großes Schlauchboot und die fremden
Männer trieben uns. Das Boot war schon ziemlich voll.
Plötzlich war das Vertrauen in meinen Plan weg und ich
sehnte mich in mein Dorf zurück. Das Meer roch stark,
es war der Geruch des Todes. Das Meer war Blut, überall
war Blut.
Meine Mutter lag am Boden unserer Hütte, ihre Gedärme
quollen aus ihrem Bauch und lagen neben ihr; ein Ungeborenes
inmitten darin. Ich war ganz stumm, die Schreie
kamen einfach nicht aus meinem Mund heraus. Einer von
den Milizen rief: “Wir bringen sie alle um, es darf keinen
Zeugen geben.” Ein Auto war zu hören und der Schrei:
“Weg hier, weg hier!” Dann war ich allein in meinem zufälligem
Versteck hinter einigen Säcken mit Getreide. Fliegen
kreisten um die Gedärme meiner Mutter und ich wunderte
mich, wie klein das Ungeborene war.
Da stieß mich jemand von hinten und ich war im Boot.
Nochmal sah ich meine Mutter und all das Blut, und dann
dachte ich an das viele Geld, das alle für mich bezahlt hatten.
Es gab kein Zurück, das Meer war ruhig.
Odysseus
Wir waren gefangen in der Höhle, Polyphem verspeiste
einen nach dem anderen von uns und es musste etwas
geschehen, wollten wir nicht alle verderben.
Da hatte ich die Idee, dass ich den Riesen betrunken
machen und dann ihm sein einziges Auge ausstechen
würde. Mein Plan gelang und er schrie erbärmlich, war
rasend vor Wut.
Jetzt band ich meine Kameraden an den Bäuchen der
Schafe fest, die er jeden Tag aus der Höhle hinaus auf die
Weide trieb. Ich selbst wollte mich am Fell eines besonders
starken Widders bäuchlings verstecken. Ich beobachtete
den Riesen, ob er etwas merkte. Mit seiner großen Hand
strich er über den Rücken eines jeden Tieres, ob nicht
einer von uns darauf säße. Ich wagte nicht an seine Wut
zu denken, wenn er uns entdecken würde.
Nach und nach zogen die Tiere mit meinen Gefährten an
mir vorbei. Jetzt musste ich unter den Widder kriechen
und mich im Fell festklammern. “Nur nicht zaudern, mein
Held”, raunte mir Athenae zu.
Meine Gefährten passierten den Ausgang der Höhle, ich
tat es ihnen nach, und Sekunden später war auch ich
unter freiem Himmel. Schnell liefen wir hinab zum Strand
zur Argos. Wir legten ab, da hörten wir ihn schreien. Mit
der Kraft seiner entfesselten Wut schleuderte er uns einen
riesigen Fels hinterher. Das Meer kochte über, aber bald
war es wieder glatt und alle Angst legte sich.
Olga
Polen war geteilt; in einen deutsch und einen russisch
besetzten Teil. Das war 1939 und es gab täglich Übergriffe
von den Nazis an uns, an den Polen. Ich hatte solche Angst
vor den Nazis, ich wollte weg. Mit gerade 16 Jahren war ich
noch ein Kind, aber ich lief weg, weg von meiner Familie,
von meinem Zuhause, hatte nichts dabei, weder Geld,
noch Kleider, noch Seife. Ich lief zu den Russen. Es gelang
mir tatsächlich die doppelt und schwer bewachte Grenze
- die Grenze war westlich von den Nazis bewacht und von
der östlichen Seite von den Russen - zu überqueren. Ich
hatte Glück.
Ich wurde von den Russen freundlich aufgenommen; ich
lernte Schneiderin, lernte russisch und hatte zu essen. Sie
sagten, ich wäre eine Heldin, weil ich das alles ganz alleine
entschieden hatte und es geschafft hatte, über die Grenze
zu kommen, ins Land der Zukunft, ins kommunistische
Russland. Aber Russin wollte ich keine werden, sie fragten
mich nämlich, ob ich die russische Staatsbürgerschaft
annehmen wolle. Sie, die Russen wollten das.
Nach dem Überfall der Nazis auf Russland wurde ich dann
geholt und kam ins Straflager nach Sibirien, in den Norden
des Oblasts Nowosibirsk. Es gibt dort Omsk und Tomsk
und den großen Fluss Ob. Das weiß ich alles von der Fahrt
ins Straflager, wo ich 13 Monate blieb.
Es war dort eisig kalt und es gab fast nichts zu essen - in
der Frühe eine Griessuppe, mittags eine Griessuppe und
abends eine Griessuppe. Wir mussten eine Eisenbahnstrecke
schneefrei halten. Es waren außer mir noch
tausend Leute dort, Männer und Frauen. Die Männer
mussten Holz fällen, natürlich ohne Motorsäge, und die
Frauen Schnee schippen. Es wurde immer schlimmer. Oft
dachte ich an Flucht, aber mir war klar, Flucht war gleich Tod
bei dieser Kälte. Als der Krieg zu Ende ging und immer mehr
Kriegsgefangene kamen, wurde wir Frauen wieder Richtung
Westen gebracht und entlassen. Ich ging nach Polen zurück
in meine Stadt. Die Nazis waren weg, aber meine Familie
auch. Niemanden von meiner Familie konnte ich in der
Stadt finden, und meine Familie war groß. Keine Eltern oder
Geschwister, aber auch keine Onkel und Tanten. Alle seien
sie geholt worden, sagten die Nachbarn, die mich gar nicht
wieder erkannten. Ich war wieder ganz allein.
Sofie
Wir kamen an einem Bauernhof vorbei und beschlossen
dort zu übernachten. Die Bauern waren erst kurz zuvor
gegangen, der Ofen war noch warm. Wir hatten lange
gewartet, dachten, uns passiert schon nichts, mein
Großvater war einer der wenigen Bauern, der in der
Kommunistischen Partei Mitglied war. Großmutter
glaubte fest, wir müssten nicht gehen, und trug das
Parteibuch immer bei sich. Die Männer waren alle im Feld,
eingezogen worden, auch Großvater. Mein Rucksack stand
schon lange bereit. Ich war erst 18 Jahre, aber machte mir
meinen eigenen Reim, und als ich sagte, dass ich gehen
würde, wollten gleich alle mit, außer der Großmutter, die
aber bald klein beigab.
Wir kamen langsam vorwärts, Urgroßmutter mussten wir
im Handwagen ziehen; sie konnte nichts mehr sehen und
kaum noch laufen. Der Bauernhof kam nach vier Tagen
Fußmarsch gerade recht.
Vorsichtshalber übernachteten wir aber im Heu, wir
hofften, dass uns dann die Soldaten nicht finden würden.
Aber es half nichts, unsere kleine Lisa musste niesen und
wir waren dran, alle auf einmal und jede von jedem, gleich
mehrmals.
Alles tat weh, dann spürte ich gar nichts mehr. Aber nach
ein paar Tagen spürte ich, dass mit mir irgendetwas
anders war: ich war schwanger.
Die Frauen haben sich so geschämt, eine lief vor meinen
Augen ins Wasser, sie schrie und schrie, bis sie ertrank. Ich
konnte ihr nicht mehr helfen. Ganz schnell ging das. In der
Morgendämmerung stand ich auf; die ganze Nacht hatte
ich geträumt von den Männern und lief ans Ufer, niemand
war in der Nähe, keiner hätte mich retten können, es war
ja so kalt, es hätte bestimmt auch nicht lange gedauert,
aber ich zögerte im letzten Augenblick: Plötzlich wurden
mir die Knie weich.
Meine Verzweiflung wurde von einer Welle von Wut beiseite
geschwemmt. Die Sonne brach durch die Wolken und ich
wunderte mich über diese Helligkeit. Irgendwie kehrte
in diesem Moment die Kraft zurück, hatte ich die tiefe
Empfindung, dass Schönheit in allen Lebenssituationen
möglich ist.
Jetzt ist meine Tochter auch schon bald 60; wir leben in
einem Haus; verstehen uns gut. Als sie noch klein war,
war es schon schwierig, ihr zu erklären, wo und wer ihr
Vater ist, aber sie wuchs so prächtig heran und war so ein
selbstbewusstes und gescheites Mädchen. Ich habe sie
geboren; sie ist meine Tochter. Sie kam aus mir heraus,
die Hebamme hat sie mir entgegengehalten und ich habe sie an mich gedrückt, und dann waren wir zu zweit.
Später sagten dann manche Leute, die Frauen hätten sich
hingegeben, aber das stimmt überhaupt nicht.
Es gibt immer dumme Leute.